05 Jan

Potenziale für Verbesserungen

Ich halte es für eine der weit verbreiteten Mythen, daß die Technologien, die wir aktuell nutzen, State-of-the-art-Technologien und damit optimal oder die besten sind. Es bestehen unglaubliche Potenziale für Verbesserungen. Durch die Dominanz der bestehenden Anwendungen wird uns darauf aber fast vollkommen die Sicht versperrt.

Wichtig ist dabei meines Erachtens vorwegzuschicken, daß Computerprogramme als Meme ein bestimmtes Verhalten vorschreiben und keine Alternativen zulassen – bestes Beispiel: Google. Michael Michaelis beschreibt das so:

“In kurzer Zeit steht ein Unternehmen im Zentrum des Interesses, welches letztlich auf einem einzigen Algorithmus[1] basiert: auf einer einzigen Idee, einer einzigen in Programmform gegossenen Formel, die alle Dokumente der Welt bewertet und zugänglich macht.”

Computerprogramme und Webanwendungen geben zwar Freiheit in der Nutzung, schränken diese aber immanent durch ihr spezifisches Design ein. Sie sind tendenziell eindimensional (bestes Beispiel: der Facebook “Like”-Button) und schaffen Gewohnheiten, die es den Menschen erschweren, sich zu verändern. Wer einmal von Windows auf Mac (oder umgekehrt) gewechsel hat, weiß, wovon ich spreche.

Man nennt das Lock-in-Effekte, die wiederum auf Netzwerkexternalitäten beruhen. Netzwerkeffekte nutzt mit seinem “Like”-Button, um schnellstmöglich sich überall zu vernetzen und einen de-facto-Standard für soziale Netzwerke zu etablieren. Links spielen dabei eine große Rolle. Je mehr Links auf eine Adresse zeigen, um so wichtiger wird sie. Das ist das Funktionsprinzip von Google.

Verlinkte Inhalte gewinnen dabei an Bedeutung – unabhängig davon, ob sie wirklich wichtig oder sinnvoll sind. Ihr Kontext ist die Relevanz – die nur über Links definiert wird. Jeder SEOler weiß, wie einfach dieses Kriterium und andere Relevanzkriterien (wie z.B. der Quality Score) zu manipulieren sind. Betrachtet man alternative Hypertext-Konzepte wie z.B. Ted Nelsons Transliterature-Konzept wird deutlich wie ungenügend der Ansatz des vielzitierten “Vaters des Webs” Tim Berners-Lee in Wirklichkeit ist. Solange Dokumente und Links keine Historie und die Herkunft der Quellen aufzeigen, wird Content-Diebstahl bzw. “Sharing” oder Content-Leihe schon aus ökonomischen Gründen die Regel sein.

Man stelle sich vor, wenn sich Ted Nelsons humanistisches Design und ein Millicent-Protokoll durchgesetzt hätten. Eine Vielfalt an Inhalten – gerade im so gerne sharenden Web 2.0 – wäre die Folge gewesen, alle Autoren würden angemessen vergütet und die ganze Diskussion über Qualitätsjournalismus im Web hätte sich erübrigt. Man könnte aufgrund der heutigen Sharing-Funktionen wahrscheinlich davon ausgehen, daß eine Phase des Wohlstands unter Autoren ausgebrochen wäre, die bisher nie dagewesen ist.

Leider lief die Entwicklung aber anders. Und aufgrund der Netzwerkeffekte entstehen Pfadabhängigkeiten, die es unmöglich machen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. So schafften die Nerds einen neuen Historischen Materialismus den heute leider weder Ochs noch Esel, bzw. Maus oder User aufhalten können.

So zentrale Instanzen wie die Algos der Suchmaschinen bleiben so undiskutiert und ihre Suchalgorithmen geheime Verschlußsache. Statt sie offen zu legen, darüber zu diskutieren und dem besseren zum Erfolg zu verhelfen leiden viele User unbewußt an deren Folgen. Unbewußt oder nichtwissend deswegen, weil sie keine Alternativen kennen. Diese “haben sich ja nicht durchgesetzt”, was damit gleichgesetzt wird, daß diese falsch sein müssen.

Weit gefehlt: wer die Entstehung von Standards in Netzwerken und auch der Evolution (ich erwähne hier nur das Rad des Pfaus) kennt, der weiß, daß es nur darauf ankommt als first mover möglichst schnell eine kritische Masse aufzubauen und dann zu wachsen – fertig ist der de-facto-Standard und/oder das natürliche Monopol. Es ist solange nicht angreifbar, wie kein anderer Riese (oder Tyrann) kommt, der den Altvorderen absetzt.

Eine an sich grausame Welt. Wenn Informatiker wüßten, welche Kreaturen sie da schaffen und diese vom Ergebnis her beurteilen würden, dann würden sie sicher öfters die Lust an ihrem Job verlieren. Doch der Informatik fehlt einfach oft die Philosophie. Dabei ist die Informatik heute ein so zentrales Moment der Wissensgesellschaft.

Softwareprogramme, ihr Design und ihre Auswirkungen frei zu diskutieren, sie überhaupt verbessern und optimierbar zu machen, ja das wäre das Gebot der Stunde. Doch ich fürchte dass wir davon sehr weit weg sind und uns immer weiter davon weg entfernen. Facebook ist 50 Milliarden wert und eine illustre Liste von Investoren wartet nur auf Traumrenditen. Keine guten Voraussetzungen derartige Systeme zu öffnen oder zu verändern bzw. in konkreten Problembereichen wie z.B. Datenschutz zu verbessern.

Jaron Lanier betont immer wieder: “Du bist kein Gadget”. Der Mensch ist kein Spielzeug. Er denkt er macht sich die Welt mittels Software zum Untertan, dabei ist es umgekehrt. Das zu erkennen finde ich sehr wichtig, denn nur so können wir die Potenziale für Verbesserungen heben. Jetzt und in Zukunft.

08 Jul

Was tun mit Google?

Google ist inzwischen einer der wichtigsten privaten Infrastrukturanbieter in unserer Wissensgesellschaft. Googles Suchmaschine ist mit seinem überragenden Marktanteil der zentrale Startpunkt für viele Internetnutzer und deren Suche nach Information. Google stellt mit seinem für den Nutzer kostenlosen Suchservice den Zugang zu Informationen sicher, die in vielen Fällen vielleicht nie gefunden worden wären und lebt von den Werbeeinnahmen aus Werbeanzeigen, die passend zu den Suchbegriffen geschaltet werden können. Google bedient sich dabei eines äußerst cleveren Auktionsverfahrens.

Die Verbindung von Informationssuche und Werbemonetarisierung und die Monopolstellung von Google sind die Ursache heftiger Debatten, die unter anderem nun die EU-Kommission auf den Plan gerufen haben. Internet-Firmen aus Frankreich und Großbritannien werfen dem Suchmaschinen-Konzern z.B. vor, sie beim Ranking zu benachteiligen. Sollte sich dieser Vorwurf als wahr erweisen und Google u.a. eigene Dienste bevorzugt angezeigt haben in den Suchergebnissen, so wäre dies ein potenzieller Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht.

Die Kernfrage lautet: Was tun mit Google? Dabei ist zunächst mal zu betrachten, was potenziell möglich wäre. Das ist zunächst der Vorwurf der Manipulation der Suchergebnisse. Dieser Vorwurf ist sehr ernst zu nehmen und ruft nach staatlicher Kontrolle durch die entsprechenden Wettbewerbsbehörden. Dazu kommt die marktbeherrschende Stellung, die v.a. den Markt für kontext-sensitive Textanzeigen betrifft. Da sich kein ernstzunehmender Mitbewerber bisher etablieren konnte, wird Google in dieser Hinsicht weiter unangefochten den Markt beherrschen.

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20 Jun

Warum es Zeit für eine neue Internet-Revolution ist

Die rasante Entwicklung des Internets in den vergangenen zehn Jahren und die Entstehung des Web 2.0 sind von einer ganzen Reihe von Charakteristika geprägt, die tiefgreifende Fragen aufwerfen. Fragen, die nicht nur volkswirtschaftliche, sondern vor allem politische Bedeutung haben. Leider wird die Debatte jedoch meist von Technikern und Informatikern und deren Visionen technischer Machbarkeit und technologischer Innovationen in der Öffentlichkeit bestimmt.

Ein Vortrag Jaron Lanier in San Francisco hat mich aber für das Spannungsfeld Technologie und Politik sensibilisiert, denn die derzeit als allgemein gegeben hingenommene Internetarchitektur bringt einige unverwünschte Effekte mit sich, die bisher zu oft nur beschrieben und zu wenig analysiert wurden. Denn die derzeit herrschenden technologischen und ökonomischen Grundlagen bevorzugen bestimmte Business-Modelle und verhindern die Realisierung eines “humanistischen Designs”, so wie es Ted Nelson z.B. mit seinem Konzept der Transliteratur (Projekt Xanadu) vertritt.

Gerade heute mit dem Aufkommen von 3D Interfaces und UI-Technologien (Erinnerst du dich noch an Tom Cruise in Minority Report?), wäre zumindestens hardwareseitig die Grundlage für eine vollkommen neue Strukturierung der Informationswelt in der wir leben, eine echte Herausforderung, der wir uns stellen und die wir als Chance für einen Aufbruch in ein kreativeres und gerechteres Informationszeitalter nutzen sollten.

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01 Feb

Apple iPad gegen Amazon Kindle – der Kampf um den E-Book-Standard und E-Book-Reader der Zukunft

Apple iPad gegen Amazon Kindle – der Kampf um den E-Book-Standard und E-Book-Reader der Zukunft geht in die erste Runde. Die Kontrahenten setzen dabei auf eine Menge netzwerkökonomischer Erkenntnisse, um sich Vorteile zu sichern. Der erste Schritte: ein proprietäres und nicht-interoperables Format schaffen. Der zweite Schritt: Buchverlage für sich gewinnen und Schwellenpreise zum Anlocken von Nutzern und zum Erreichen einer kritischen Masse einsetzen. Der dritte Schritte: die Gerätepreise senken, um schnellstmöglich viele Endgeräte zu verkaufen.

Amazon war bisher mit seiner Strategie ziemlich erfolgreich (1 Million verkaufe Endgeräte), doch Apple wird nicht zögern und mit dem attraktiverem Endgerät beim Nutzer punkten. Der Schlagabtausch in den kommenden Wochen dürfte spannend werden. Schon wechseln erste Buchverleger die Fronten und wechseln zu Apple. Mal sehen wie Amazon reagiert – Preiserhöhungen dürften ausgeschlossen sein und wie schnell sich ein Colour Kindle mit neuen Features realisieren lässt, steht auch in den Sternen.

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