Kollektive Intelligenz vs. individuelle Intelligenz – oder: Wer ist klüger: Masse oder Individuum?

Das Konzept der “Kollektiven Intelligenz” (die als “Weisheit der Massen” vor allem dem Web 2.0 zugeschrieben wird) wird von Kritikern (wie z.B. Jaron Lanier) oft als Gegenteil der individuellen Intelligenz betrachtet. Befürworter der “Kollektiven Intelligenz” weisen dabei auf die Überlegenheit von Systemen hin, die diese emergente Eigenschaft nutzen:

So formuliert Howard Rheingold in Smart Mobs„The ‚Killer-Apps’ of tomorrow’s mobile infocom industry won’t be hardware devices or software programs but social practices.” (Die Killerapplikationen der mobilen IT-Industrie von morgen werden nicht Hardware oder Software sein, sondern soziale Handlungen.) Dem Leitbild der Schwarmintelligenz wird das Potential unterstellt, Gesellschaft und Märkte zu transformieren. Als Beispiel hierfür werden Smart Mobs wie die Critical Mass-Bewegung angeführt. (Quelle: Wikipedia)

Problematisch mag dabei erscheinen, daß die Individuen, die Ursache des Phänomens “Kollektive Intelligenz” sind auf die Stufe von Ameisen, die ein sehr begrenztes Verhaltens- und Reaktionsrepertoire besitzen, gestellt werden. Zudem kommt ein empirischer Befund in der Diskussion z.B. auf BarCamps auf, der an der Überlegenheit der Kollektiven Intelligenz zweifeln lässt: Unternehmen wie Apple, die streng hierarchisch organisiert sind, keinerlei Partizipation zulassen und weder Blogs, Wikis oder Twitter nutzen, können äußerst erfolgreich sein. Es bestehen also in der Praxis zwei Wahrheiten nebeneinander und ich denke es ist Zeit, aus der These und Antithese eine Synthese zu formulieren.

Der individuellen Intelligenz kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Denn gäbe es Steve Jobs und Jonathan Ive nicht, gäbe es Apple nicht. Gäbe es Richard Stallmann oder Linus Thorvalds nicht, gäbe es den GNU Kernel und Linux nicht. Es waren also schon immer Individuen, die den Unterschied machen und die Ursache für Intelligenz sind. Dazu treten nun die Möglichkeiten des Internets:

Das Internet vereinfacht wie nie, dezentral verstreutes Wissen der Menschen zu koordinieren und so deren kollektive Intelligenz nutzbar zu machen. (Quelle: Wikipedia)

Das Internet macht also die Identifikation und die Koordination individueller Intelligenz möglich – unter anderem mit dem Effekt, das so etwas wie eine kollektive Intelligenz entstehen kann. Die individuelle Intelligenz ist dabei Teilmenge und notwendige wie hinreichende Bedingung für die Entstehung kollektiver Intelligenz, die letztere kann erstere nicht ersetzen und steht damit auch nicht in Konkurrenz zueinander.

Die Kumulation von Informationen in Gruppen kann zu gemeinsamen Gruppenentscheidungen führen, die oft besser sind als Lösungsansätze einzelner Teilnehmer. Ein oft erwähntes Beispiel ist Francis Galtons Überraschung, dass Besucher einer Vieh-Ausstellung im Rahmen eines Gewinnspiels das Schlachtgewicht eines Rindes genau schätzten, wenn man als Schätzwert der Gruppe den Mittelwert aller Schätzungen annahm. (Die Schätzung der Gruppe war sogar besser als die jedes einzelnen Teilnehmers, darunter manche Metzger.)

Die individuelle intellektuelle Leistung in diesem Beispiel dürfte man als gering ansehen. Spannend wird es, wenn man an komplexere Aufgaben und Herausforderungen denkt, wie z.B. die Realisierung eines gemeinsamen Projekts. Hier kann die kollektive Intelligenz sehr gut geeignet sein, individuelle Intelligenz zu identifizieren, diese einzubinden und gemeinsam als “Super-Organismus” eine Lösung zu schaffen, die der einzelne nicht leisten hätte können. So weit die Synthese: kollektive Intelligenz hilft, die individuelle Intelligenz zu finden, zu bündeln und so zu einem Vorteil zu gelangen.

Allerdings ist aus vielen historischen Erfahrungen auch bekannt, dass die kollektive Intelligenz irren kann. Jaron Laniers Kritik des “Digitalen Maoismus” ist hierbei sehr interessant.

“Lanier ein Kritiker der sogenannten Schwarmintelligenz des Kollektivs. Diese sei nur zur Vorhersage von Statistiken und Zahlenwerten wie Marktpreisen oder Wahlergebnissen geeignet, nicht aber zur Darstellung von Wissen. Systeme wie Wikipedia, die er dem Konzept der Schwarmintelligenz zuordnet, fänden oder verbreiteten keine Wahrheiten, sondern nur die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse. Die Darstellung von Wissen erfordere dagegen persönliche Kompetenz und Verantwortlichkeit. Das Internet fördert nach Laniers Meinung den Glauben daran, dass ein Kollektiv Intelligenz, Ideen und Meinungen hervorbringen könne, die denen des Individuums überlegen seien. Diesen Irrglauben nannte er „Digitalen Maoismus“ und er führe dazu, dass das Kollektiv als wichtig und real angesehen werde, nicht aber der einzelne Mensch.” (Quelle: Wikipedia)

Wenn nun Lanier nur in einigen wenigen Fällen Recht hätte, wäre dann die Frage offen, wie man diese Fälle des Irrtums erkennt und was man dagegen tut. Der Sprung auf eine höhere, ordnende Ebene höherer Intelligenz ist im Konzept der kollektiven Intelligenz ausgeschlossen. Die Masse bestimmt, was gemacht und gedacht wird. Um sich vor derartigen Irrtümern zu schützen, muss sich das Kollektiv auf einen Notausgang, auf ein Prozedere im Fall des Irrtums vereinbaren.

Die Kostenlos-Mentalität gepaart mit Googles Dominanz entpuppt sich z.B. nach Jaron Lanier als solch ein Irrtum:

Das Interessante ist, dass die chinesische Regierung und Google ganz ähnliche Ziele haben: Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft. Google muss sich reformieren. Es ist wie ein Organismus ist, der sich von seinem eigenen Körper ernährt. Es geht eine Weile lang gut, aber dann ist das Verhungern unausweichlich. Statt nur Anzeigen zu verkaufen, muss es anfangen, Geld zu verlangen für die Inhalte, die es anbietet, und dieses Geld an die Autoren auszuzahlen. Sonst ist die Zivilisation, die es im Internet verfügbar machen will, irgendwann tot.

Gerade in solchen Fällen wünscht man sich einen von allen legitimierten Prozess der individuelle und kollektive Intelligenz mit ihren jeweiligen Stärken einbindet. Vielleicht sollten wir hier über einen neuen Gesellschaftsvertrag nachdenken – auf jeden Fall bedarf es hier ganz neuer Ansätze und Konzepte, die global diskutiert werden müssen, denn die Probleme der Zukunft werden nicht kleiner und die Zahl der Beteiligten nicht geringer.

3 thoughts on “Kollektive Intelligenz vs. individuelle Intelligenz – oder: Wer ist klüger: Masse oder Individuum?

  1. Sarah says:

    Hi,

    kollektive Intelligenz ist das Stichwort bei Ameisen. Im Web 2.0 ist es ja mit den Flashmobs so, die sich über Twitter oder Facebook verabreden.

    Bei Ameisen ist das genauso, wenn eine irgend ein Fressen gefunden hat, sagt das eine den anderen und ein Schwarm kommt raus.

    Ich selbst mach sehr viel mit Ameisen weil ich das Thema sehr interessant finde. Hab auch nen Blog (s. Website).

    LG

    Sarah

  2. Frank Huber says:

    Danke, Sarak – endlich spricht mal eine Fachfrau! *g

  3. Sarah says:

    Fachfrau – ja klar 😉

    Nein, im ernst.

    Das Internet hat ja durchaus ein Schwarmverhalten oder etwa nicht?

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