Warum es Zeit für eine neue Internet-Revolution ist

Die rasante Entwicklung des Internets in den vergangenen zehn Jahren und die Entstehung des Web 2.0 sind von einer ganzen Reihe von Charakteristika geprägt, die tiefgreifende Fragen aufwerfen. Fragen, die nicht nur volkswirtschaftliche, sondern vor allem politische Bedeutung haben. Leider wird die Debatte jedoch meist von Technikern und Informatikern und deren Visionen technischer Machbarkeit und technologischer Innovationen in der Öffentlichkeit bestimmt.

Ein Vortrag Jaron Lanier in San Francisco hat mich aber für das Spannungsfeld Technologie und Politik sensibilisiert, denn die derzeit als allgemein gegeben hingenommene Internetarchitektur bringt einige unverwünschte Effekte mit sich, die bisher zu oft nur beschrieben und zu wenig analysiert wurden. Denn die derzeit herrschenden technologischen und ökonomischen Grundlagen bevorzugen bestimmte Business-Modelle und verhindern die Realisierung eines “humanistischen Designs”, so wie es Ted Nelson z.B. mit seinem Konzept der Transliteratur (Projekt Xanadu) vertritt.

Gerade heute mit dem Aufkommen von 3D Interfaces und UI-Technologien (Erinnerst du dich noch an Tom Cruise in Minority Report?), wäre zumindestens hardwareseitig die Grundlage für eine vollkommen neue Strukturierung der Informationswelt in der wir leben, eine echte Herausforderung, der wir uns stellen und die wir als Chance für einen Aufbruch in ein kreativeres und gerechteres Informationszeitalter nutzen sollten.

Von was spreche ich? Das derzeitige Internet basiert auf Tim Berners-Lee Interpretation des Hypertext und Hyperlink-Konzepts, in dem Links einfache Einweg-Links sind, die weder die weitere Verknüpfung der Quelle noch die (historische) Entwicklung dieser Verknüpfungen umfassen. Ted Nelsons Konzept erweitert den Funktionsumfang von Links indem er ein vollkommen neues System schafft, das neben dem Erhalt des ursprünglichen Inhalts auch ein rechtssicheres Zitieren und sogar eine Vergütung des Autors (auf Millicent-Basis) vorsieht.

Nelson setzt damit genau dort an, wo das System Internet krankt. Denn der Mythos der Werbefinanzierung gepaart mit Tim-Berners Lees Hyperlink-Konzept und Googles Suchmaschinendominanz führt zu einer Entwertung der Inhalte und Enteignung der Autoren, die insbesondere ökonomisch und kulturell sehr drastische Folgen hat. Ökonomisch betrachtet besteht bei Netzwerkgütern eine Tendenz zum natürlichen Monopol, einem Zustand in dem nur ein Anbieter im Betriebsoptimum produzieren kann – “natural leaders” wie Google, eBay, Amazon, Facebook, etc. belegen diese These anschaulich. Kulturell betrachtet kann die auf der Kostenlos-Ökonomie (Freeconomics) basierende Idee ihre Autoren nicht mehr ernähren, da der Mittelrückfluß einfach zu gering ist. Selbst Megastars wie Madonna erzielen heute einen Großteil ihrer Umsätze durch Konzerttickets und Merchandising. Ein Schutzmechanismus den selbst die Superstars gegen die Enteignungstendenzen des Internet anwenden, denn Tickets und T-Shirts sind physische Dinge oder Erlebnisse, die nicht kopierbar oder durch das Internet abbild- oder gar ersetzbar sind.

Also Reaktion auf das Versagen der Werbefinanzierung hat sich Steve Jobs als Retter positioniert und einen “walled garden” namens Apple iStores ins Leben gerufen. Durch die geschickte Verbindung von Hardware und Software Lock-in-Effekten ist es ihm gelungen, das Online Musik-Business zu dominieren und “Paid Content” im Musikbereich erfolgreich zu machen. Allerdings besteht hier für die Labels und die Künstler auch eine extreme Abhängigkeit (single-vendor dependency) von einem Anbieter, der zudem dazu neigt nicht nur die Preise (99 Cent) zu diktieren, sondern auch noch mehr oder minder frei über seine Gewinnmarge verfügen kann.

Fazit: weder das offene System (des werbefinanzierten freien Internets) noch das geschlossene Paid-Content-System der Apple-Welt können die Lösung sein. Auch der alternative Linux- und Creative Commons-Ansatz kann seine Erzeuger nicht ernähren, sondern ist quasi gut gemeinte und nicht hoch genug zu schätzende Community-Arbeit von der zwar viele profitieren, aber für die niemand im Ernstfall einstehen noch für deren Weiterentwicklung irgendjemand jemals garantieren wird.

Sicherlich gibt es “hidden champions” im Web (ich nenne sie Blue Chips), die ihre Nische zahlender Kunden gefunden haben und im Schatten der Giganten (“natural leaders”) existieren. Aber wenn wir eine Weiterentwicklung des Systems und eine Abkehr von immer billiger und nur für Suchmaschinen produzierten und optimierten Inhalten wollen, dann müssen wir dringend zusehen, daß wir die Grundlagen unseres Systems verändern. Es geht also um nicht weniger als eine Internet-Revolution.

Denn der aktuelle Zustand ist von Macht- und Privacy-Asymmetrien geprägt, die vollkommen unerträgich sind und so abschreckend wirken, daß junge Talente mit ihren Beiträgen das Medium meiden und vermeintlich clevere Kreative versuchen, diese zu nutzen (was aber nur wenigen gelingt). Die Eintrittsbarrieren und die Schwelle bis zum Erreichen eines Erfolgs wird aber immer unerreichbarer, weil sich zunehmend auch Intermediäre (bezahlte Zubringerdienstleister = Trafficbringer wie Facebook) oder auf Provisionsbasis funktionierende Zugangskontrollen (z.B. marktbeherrschende Stores wie die iStores oder Transaktionsabwickler wie Paypal) zwischen Autor und Endkonsument schieben.

Der offene Zugang für alle ist eine Chimäre, denn letztendlich ist heute die Kontrolle der Datenströme eines der wichtigsten Themen für die Unternehmen. Wer die Datenströme beherrscht, hat nicht nur die Datenhohheit sondern auch die Hoheit über den Nutzer. Der süße Honig der Kostenlos-Ökonomie wird von den Usern nämlich mit der ansonsten sehr teuren ständigen Preisgabe von Daten bezahlt. Wer jemals schon mal selbst Marktforschung betrieben hat, weiß nicht nur wovon ich rede, sondern auch wie wertvolle diese Echtzeit-Daten sind, die heute nicht nur intensiv genutzt sondern teilweise bis an den Rande der Legalität (Stichwort z.B. Dynamic Pricing) ausgeschöpft werden.

Doch zurück zum eigentlichen Systemproblem (und warum das Internet in seiner aktuellen Form so viele Missstände mit sich bringt): wenn wir das System Internet verändern wollen, dann muss die zugrundelegende technische Struktur verändert und wieder für jeden vorteilhaft gestaltet werden. Die Vision im Sinne Ted Nelsons kann nur sein Inhalte wieder so nutzbar zu machen und zu teilen, daß die Vorteile daraus symmetrisch verteilt sind und nicht nur einzelne (wie z.B. Google) davon profitieren. Ökonomen argumentieren gerne damit, daß die Grenzkosten digitaler Güter Null sind und es ja niemanden wehtut, wenn seine Inhalte kopiert und weitergegeben werden. Nur wer sorgt dann langfristig für deren Produktion?

Googles Idee, daß alle unbezahlt arbeiten sollen, ist ebenso ein sozialer und kultureller Irrweg wie die Maxime des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg, Datenschutz sei ein Relikt vergangener Zeiten und heute weniger zeitgemäß. Derartige Gedanken und die daraus entspringenden Softwareanwendungen sind nicht nur gefährlich für die Freiheit des einzelnen, sondern auch für die ökonomische Basis des Individuums eine Gefahr.

Den neuen Gesellschaftsvertrag, den wir für die Weiterentwicklung der Menschheit brauchen, muss in Software gegossen werden und als Magna Charta das alte mit dem neuen System versöhnen. Fraglich bleibt, ob die aktuelle politische Theorie hier auf der Höhe der Zeit ist und wie man ein derartiges Vorhaben auf sanftem Wege durchsetzen könnte. Jaron Lanier ist da Optimist (“Der digitale Maoismus ist zu Ende“), ich bin eher Pessimist, denn neben den Sperrklinken-Effekten des existierenden Systems stehen ja nicht nur milliardenschwere Interessen hinter dem aktuellen Internet-Design, sondern auch das Unvermögen von Einzelregierungen gegen das Verhalten der Giganten effektiv etwas zu unternehmen und etwas zu erreichen. Ganz im Gegenteil: schon heute können die Giganten ganz gezielt den Regierungen die Steuerbasis entziehen – ein Faktum was bei zeit- und raumunabhängigen Diensten bisher kaum thematisiert wurde und was eine enorme Brisanz in sich birgt.

Wenn wir also wollen, daß sich etwas ändert, müssen wir an einem humanistischen Design des Internets arbeiten und die aktuellen technologischen Grundkonzepte erneuern. Denn nur so werden wir das Internet zu einer neuen Blüte bringen können – und nicht in einem Rattenrennen um noch billiger zu erstellenden Suchmaschinen-Futter enden oder uns gemäß der Idee einer Cross-Subventionierung durch Offline-Umsätze (die dadurch noch mehr gefährdet werden) mittels Verschenken der wertvollen Inhalte irgendwann selbst vernichtet haben.

Wie gesagt: ich bin wie Jaron Lanier ein “true believer in the Internet”, aber das Internet tut nur das, was wir ihm vorgeben – genauso wie jeder Computer im übrigen auch.

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