Kann Social Media langfristig weiter wachsen?

Der Social Media-Boom hält weiter an – kaum ein Mensch, der nicht bloggt, twittert oder auf Facebook unterwegs ist. Auch Unternehmen engagieren sich – den Usern folgend – verstärkt im Social Web und versuchen ihre Botschaften, Produkte und Dienstleistungen unters Web 2.0-Volk zu bringen. Doch einige Entwicklungen in der Praxis lassen Zweifel daran aufkommen, dass Social Media weiter so rasant wachsen wird.

Denn rein wirtschaftlich betrachtet kostet Social Media zunächst nicht viel – die Ausbringung Tausender Links und Botschaften über die entsprechenden News-Aggregatoren, Social Bookmarking-, Microblogging-Dienste und Social Networks ist heute sehr einfach möglich. Die Folge: die Zahl der Botschaften die den Endnutzer erreichen steigt ständig an. Denn immer mehr Unternehmen und Individuen nutzen das Social Web als Sender. Der sagenumwobene Dialog ist daher oft eine Chimäre, der logisch nicht nur an der Masse der Infos scheitert, sondern dessen Scheitern auch dem Umstand geschuldet ist, dass jede Information zuerst einmal gelesen und geprüft sein will.

Informationen sind ein Vertrauensgut – man muss sie prüfen, um sie zu beurteilen. Jeder mehr oder minder begabte Texter erfindet heute die passenden Social Media-Headlines und erheischt so die Aufmerksamkeit vieler – wenn dann wirklich eine virale Story dahintersteckt, hat man als User Glück gehabt. Doch oft ist es nur eine verschlüsselte “Kauf’ mich!” oder “Werde mein Fan!”-Botschaft, die den Nutzer ganz einfach abstösst.

Frustrierend ist auch die Alltagserfahrung des Social Web, das die bekannten und verhassten massenmedialen Phänomene und Entwicklungen einfach mit neuen Mitteln wiederholt. Denn im Gegensatz zum Printmagazin, sehe ich, dass Lady Gaga Millionen Follower hat und ich als Nutzer XY so gut wie keine. Die Medienhierarchie der einigen wenigen Celebrities aus Sport, Politik und Gesellschaft wird da um so deutlicher – das soziale Fanvieh darf als Statist gerne die digitalen Dörfer und Netzwerke bevölkern, die sich wiederum im Besitz einiger weniger 25-jähriger Milliardäre befinden. Der Begriff “Social” hat so wenig mit sozial zu tun, wie sonst was.

Der Traum der klassenlosen, digitalen Gesellschaft ist da schnell ausgeträumt. Dass sich am “Die da oben, wir da unten” wenig geändert hat, zeigen schon die TED und DLD-Konferenzen dieser Welt, zu denen nur der Zugang hat der 2000 Euro bis zu mehr als 5000 Dollar berappen kann. Hier werden dann die neuesten Methoden zur schnellen Errichtung natürlicher Monopole, Viral Engineering und Kontrolle der Datenströme ausgetauscht. Immer im Visier: der Nutzer und dessen Privatsphäre, bzw. in seltenen Fällen auch direkt sein Geldbeutel.

Doch durch die (noch) vorherrschende Kostenlos-Ökonomie wird der zentrale Faktor das Marketing bleiben. Und das wird zunehmend auf Social Media zurückgreifen und so versuchen schneller mehr Botschaften an den Mann oder die Frau zu bringen. Der Nutzer wird sich bald in die reale Welt der 6000 Werbebotschaften täglich zurücksehnen – oder sich weiter abschotten und Werbung in jeglicher Form blocken. Die Aktivität in den Blogs (Stichwort: Blogsterben) nimmt jetzt schon ab und auch allen anderen Formen der Partizipation leiden unter einer Übernachfrage. Dabei hat der Web 2.0-Tag auch nur 24 Stunden und pro “Anbieter”/Channel/o.ä. bleibt immer weniger Zeit. Auf der anderen Seite müssen sich die Anbieter immer mehr bemühen und schneller einzigartige Inhalte liefern. Für Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Social-Media-Aktivitäten sehr schnell zum “Faß ohne Boden” mutieren können und sich nur große Unternehmen (wie Daimler, Dell, Kodak, etc.) Social Media langfristig leisten können.

Denn der von mir oft angemahnte Social Media ROI ist oft nicht einmal Gegenstand der Messung. Nur die wenigsten machen sich Gedanken, inwiefern ihre Aktivitäten überhaupt sinnvoll und gewinnbringend sind. Je nach erreichter Zielgruppe lauern hier so einige Überraschungen, die sicher das eine oder andere Unternehmen seine Aktivitäten überdenken lassen werden.

Mein Fazit daher: es bestehen berechtigte Zweifel, dass Social Media weiterhin so rasant weiter wachsen wird. Ich bin sehr gespannt inwiefern sich der Bereich seine Attraktivität bewahren kann und inwieweit sich das Mediennutzungsverhalten für die einzelnen Channels wie Twitter, Facebook, etc. entwickeln wird. Hier könnten uns in den nächsten Jahren einige Überraschungen erwarten.

13 thoughts on “Kann Social Media langfristig weiter wachsen?

  1. Beim Informationsüberfluss, der übrigens schon seit jeher existiert und nicht neu im Internet ist, springt schlicht und ergreifend unsere Filterfunktion ein. Das, was man nicht braucht, wird ausgeblendet. Im Umkehrschluss heißt das, dass der ROI eines Fans auf Facebook wiederum schlecht messbar ist (in meinen Augen gar nicht, da Social Media PR-Instrumente sind und sich gar nicht ins Performance-Marketing drücken lassen).

    Ein Fan auf Facebook hat x Interessen (Gefällt mir). Das werden mit der Zeit nicht weniger, sondern eher mehr. Um in der Timeline überhaupt wahrgenommen zu werden, heißt es für Firmen, dort auch aufzufallen. Dort greift dann wiederum das altbekannte AIDA-Prinzip der Werbung. So anders funktioniert das Internet nämlich gar nicht als die Offline-Welt. :)

  2. Frank Huber says:

    Ja, die Filterfunktion wird ja auch schon ganz konkret genutzt, indem man z.B. gewisse Twitter Accounts blockt. Die Frage der Wahrnehmung stellt sich dadurch natürlich um so mehr. Nur ob das von Experten schon oft kritisierte AIDA-Prinzip dabei noch zeitgemäß und hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Ich denke modernes Online- und Social Media Marketing funktioniert anders: in Echtzeit, viral und vernetzt.

  3. Das AIDA-Prinzip habe ich nur als Beispiel angeführt, da es das einfachste Modell darstellt, das die Relevanz von Aufmerksamkeit anführt. Dass es überholt ist und Die Psyche des Menschen sich nicht in vier Buchstaben drücken lässt steht außer Frage. Aber Beispiel virales Marketing oder von mir aus auch Guerilla-Marketing: Sachen, die Aufmerksamkeit erzeugen werden geteilt. Ob nun offline (Empfehlungsmarketing/Mundpropaganda)oder online (Social Media). Andere gehen unter.

  4. Frank Huber says:

    Dem stimme ich gerne zu – wobei neben der inhaltlichen und konzeptionellen Ebene (Wie erzeuge ich viral Aufmerksamkeit?) auch die technische Ebene (Viral Engineering z.B. Freundefinder, etc.) eine wichtige Rolle spielt.

  5. Dirk Steffes says:

    “Social Media ROI ist oft nicht einmal Gegenstand der Messung. Nur die wenigsten machen sich Gedanken, inwiefern ihre Aktivitäten überhaupt sinnvoll und gewinnbringend sind.”

    Zuerst einmal ist festzustellen, dass so manches Unternehmen nur aktiv wird, weil es andere eben auch bereits so halten – eine stimmige Konzeption: Fehlanzeige. “Blogsterben” ist das zwangsläufige Ergebnis – nach der Anfangseuphorie wird der Arbeitseinsatz hinterfragt, und wenn kein messbarer Erfolg erkennbar wird, stellt man den Blog eben wieder ein oder lässt ihn langsam einschlafen. Gleiches wird früher oder später auch mit zahlreichen Facebook-Aktivitäten geschehen, wobei ich bei Facebook eine erheblich größere Manipulationsgefahr sehe, die eine Evaluierung von Kampagnen erschwert.

  6. Frank Huber says:

    @Dirk Worin siehst die erheblich größere Manipulationsgefahr bei Facebook? In Bezug auf die Seiten-Statistiken? Die fand ich bisher eigentlich sehr detailliert und aufschlussreich. Was mir allerdings auffällt ist der zunehmende Spam auf Facebook – und Fake-Profile, die dafür genutzt werden …

  7. Zumindest für Google sind die sozialen Netzwerke von großer Bedeutung, da diese jetzt offiziell zur Bewertung von Webseiten herangezogen werden.

  8. Frank Huber says:

    @Andreas Du meinst eingehende Links von Twitter und Facebook werden jetzt mit in die Berechnung des PageRanks einbezogen?

  9. Timo Hermann says:

    Sicher ist: die Nutzer fühlen sich schon jetzt von zahlreichen Kampagnen genervt und blocken zunehmend in ihrem Social Stream. Das sehe ich aber nicht als Problem, sondern als Herausforderung, sich neu auszurichten und mit frischen Ideen und vor allem Interaktion an den Markt zu gehen. Nicht die Unternehmen, nicht die Dienstleistungen oder Produkte sind es, die den Konsumenten auf die Nerven fallen, sondern die Art und Weise, wie sie an sie herangetragen werden. Hier müssen sich Firmen aus dem Einheitsbrei abheben und mit neuen Ideen im Marketing an den Start gehen: einfühlsam, zielstrebig, informativ und kundenorientiert. Klassisches Marketing funktioniert in Social Media nicht – die Konsumenten sind es leid, sich passiv beschallen zu lassen von penetranten, schrillen Spots und wollen Mitwirkung, sie wollen ernstgenommen werden und Feedback liefern. DAS ist die Herausforderung Marketing 2.0.

  10. […] nur die Literaturbranche betreffenden) firstmedia-Blog  von Medienberater Frank Huber hingegen fragt man sich, ob social media weiterhin so rasant wachsen werden wie bisher oder ob das Bedürfnis nach zuverlässigen, gefilterten Informationen ohne ökonomische […]

  11. Frank Huber says:

    Die Konsumenten sind es leid, sich passiv beschallen zu lassen von penetranten, schrillen Spots und wollen Mitwirkung, sie wollen ernstgenommen werden und Feedback liefern. DAS ist die Herausforderung Marketing 2.0 – dem ist nichts hinzuzufügen. Social Media Marketing steht vor einer neuen Herausforderung: es muss sich neu erfinden, denn nur mit einer Facebook-Seite und einem Twitter Account ist es nicht getan. Die Herausforderung ist konzeptionell und zutiefst “social” – das verstehen viele noch nicht und betreiben weiter “Verlautbarungs-SPAM”, was oft zum Gegenteil des angestrebten Ziel führt. Mehr Interesse, Reichweite und Impact ist gewünscht – aber gerade die o.g. Kaskaden-Wirkung wird oft zum kostentreibenden Teufelskreis. Kommunikation lässt sich nicht mehr stoppen. Daher ist die CEO-Frage: “Was machen wir mit dem Feedback?” nicht nur inhaltlich, sondern auch in Hinsicht auf den ROI einer Social Media-Kampagne zentral.

  12. […] wir bei A, B und C-Kunden wären. Ein Grund, warum Social Media langfristig aus Unternehmenssicht nicht wachsen kann (bzw. nicht skaliert), liegt in der Informationsproblematik einzuschätzen, ob mein Gegenüber ein […]

  13. Miguel Gomes says:

    Ich denke ja. Im Bereich Social Media sehe ich noch einiges an Potential. Die Amerikaner sind ja nurnoch am zwitschern und liken. 😉

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>