Warum Steve Jobs kein Visionär (mehr) war

Steve Jobs, der Mitbegründer und ehemalige Konzernchef des Computerherstellers Apple, starb am Mittwoch, den 05.10.2011 im kalifornischen Palo Alto im Alter von nur 56 Jahren. In den Medien galt er als der größte Innovator seiner Zeit und Weltverbesserer, er hat laut Spiegel Online angeblich das Weltbild einer ganzen Generation geprägt. Doch Steve Jobs war an seinem Lebensende weder ein Visionär, noch ein Weltverbesserer.

Warum? Da sind zunächst mal 20 Jahre, zwei Dekaden, die vom Fenster- und Maussystem als User Interface geprägt sind. Eine XEROX Parc Erfindung, die Steve Jobs popularisiert und verbreitet hat. Ein Konzept, das heute noch jeder Mac verfolgt. 20 Jahre sind hier keinerlei Innovationen von Apple eingeführt worden. Wenn ich an die Developer CDs von vor ca. 10 Jahren (… und an meine erste SGI Webforce) denke, dann bin ich ziemlich ernüchtert und fast enttäuscht. Ich frage mich was aus Hotsauce (3 D Navigation), Quicktime VR Movies (3D Szenen mit bewegten Bildern) und der Handschrifterkennung eines Newton geworden ist.

Wo sind die Innovationen des Visionärs Steve Jobs? Ich sehe keine. Die XBOX Kinect ist heute weiter als alle Mac-Rechner zusammen. Gepaart mit einem PC (und nicht zwingend aber ganz nett mit Spracheingabe) wäre sie das ultimative Produktivitätsmonster. Gestensteuerung wie in Minority Report und vollkommen neue Navigationskonzepte entstehen in den Computer Labs dieser Welt – aber niemand nutzt sie als Massenanwendung.

Den Weg den Apple gegangen ist und den Steve Jobs vorgezeichnet hat, ist in weiten Teilen ein Weg weg vom kreativen Einsatz des Computers hin zum passiven Konsumgerät, dem ultimativen Thin Client der auf Gedeih und Verderb via Hardware-Lockin an die diversen iStores gekettet ist. Wer erinnert sich noch an die Performa Werbung der 90er Jahre? Der Macintosh war das Synonym für den kreativen Computer für die ganze Familie – und damit die breite Masse.

Heute ist der iPod, das iPhone und das iPad nichts mehr als ein Abspielgerät für vorproduzierte Inhalte – bald mit iCloud Anbindung und komplett ohne Speichermöglichkeiten. Die ultimative Abhängigkeit ist damit vorprogrammiert. Steve Jobs hat seine Lektionen von Microsoft dann doch noch gelernt. Und hat durch die Verbindung von proprietärem OS, Hardware und Software Lockins eine Grundlage für Milliardenprofite geschaffen. Steve war ein Top Businessman – wer hätte gedacht, daß Apple irgendwann mal das Musik-Business dominieren würde und Smartphones baut?

Doch all das ist nur Schall und Rauch. Denn Steve Jobs hat zwar Milliarden verdient, es wird aber nichts von ihm bleiben – denn schon zu Lebzeiten wurde deutlich, daß er eben doch kein Weltverbesserer war und ist. Kurz nach seinem Wiedereintritt in die Apple-Sphäre hat er alle gemeinnützigen Förderprojekte abgeschafft und die Apple Foundation aufgelöst. Steve Jobs hinterlässt kein Guggenheim Museum oder eine Carnegie Hall, kein Steve Jobs Cancer Center oder eine Programmierschule in Afrika für junge Talente.

Sein auf 8 Milliarden geschätztes Vermögen hat er wohl in Trusts geparkt. Seine Erben werden darauf kaum Steuern zahlen – für die Gesellschaft und seine Fanboys eigentlich eine recht mäßige Bilanz. Da hat Bill Gates mit seiner Stiftung eben Maßstäbe gesetzt:

Die Bill & Melinda Gates Foundation ist an den Einlagen gemessen die mit Abstand größte Privat-Stiftung der Welt. Bill Gates hat im Jahr 1994 erstmals eine Stiftung mit dem Namen „William H Gates Foundation“ gegründet, die zunächst von seinem Vater geführt wurde. Im Jahr 1999 entstand die „Bill & Melinda Gates Foundation“. Sie hat ihren Hauptsitz in Seattle. William Gates sr. leitet die Bill & Melinda Gates Foundation mit über 830 Mitarbeitern und einem Kapitalgrundstock von rund 35,2 Mrd. US$

Sollte Steve Jobs seinen Nachlaß rein privat geregelt haben, dann dürfte er der Gesellschaft nichts zurückgegeben haben von seinem Reichtum. Für mich kann Steve Jobs nach heutigem Stand kein Vorbild sein. Wirklich visionär wäre gewesen, den Macintosh vollkommen neu zu erfinden – und zwar vor 10 Jahren. Ich konnte damals schon mit meiner SGI durch das File System fliegen. Doch nach wie vor bedienen wir den PC nach dem Napoleon-System – mit einer Hand. Ich erinnere mich noch gut an Kai Krause, der schon in den 90ern das kritisiert hat und die Nutzung beider Hände angeregt hat.

Gestensteuerung (ggf. mit Sprachunterstützung), 3 D User Interface, offene Betriebssysteme und offene Standards (wie z.B. natives XML für Dokumente) – das alles ist nie umgesetzt worden von Apple unter Steve Jobs. Stattdessen hat er uns zwei verlorene Dekaden in Sachen UI beschert – irgendwann wird man erkennen, dass das nicht nur verlorene Jahre, sondern dass das 20 Jahre ein Weg in die falsche Richtung war. Ein echter Weltverbesserer hätte einen anderen Weg eingeschlagen und nicht teure, proprietäre und den passiven Konsum fördernde Thin- bzw. Thumb Clients propagiert.

“Und das ist so, wie es sein sollte, denn der Tod ist höchstwahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens. Er bewirkt den Wandel. Er entrümpelt das Alte, um Platz zu machen für das Neue.” Jetzt ist der Weg frei für das Neue – ich bin gespannt, wann und ob ihn jemand geht.

P.S.: Hier ein kleiner Nachtrag und ein kleiner, bescheidener Hinweis auf eine Art Wegweiser in Sachen UI-Entwicklung – nach dem Motto “Fortschritt durch Inspiration“.

One thought on “Warum Steve Jobs kein Visionär (mehr) war

  1. Hallo mein Lieber Frank,

    vielleicht war er kein Philantrop aber Visionen sind dennoch fleischgewordene Apple Realität. Sonst würden wir alle noch auf Tastaturen tipp und hätten kein iphone mit Touchscreen. Der Itunes Store würde nicht mehr Umsatz machen als alle Plattenfirmen zusammen und auch sonst waren sehr viele Visionen die jetzt Realität sind da… R.I.P Steve Jobs.

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