Wer nutzt eigentlich Twitter? Aktuelle Nutzerzahlen und Nutzungstrends (März 2016)

“Pro Monat nutzen 12 Millionen Menschen in Deutschland Twitter” – so oder ähnlich hätte sich Twitter nach der Veröffentlichung der offiziellen Nutzerzahlen die Schlagzeilen erhofft. Gefallen ist der Satz am Montag in der 20-Uhr-“Tagesschau” vor über 10 Mio. Zuschauern. Doch die Millionen-Zahl leitet etwas in die Irre – und ist insbesondere für ein soziales Netzwerk nicht wirklich brauchbar.

Doch zu den Fakten: vor zwei Tagen hat Twitter nun erstmals eine offizielle Nutzerzahl für Deutschland genannt. 12 Millionen seien es. Jetzt kommt aber das große Aber: „Die von uns kommunizierten zwölf Millionen versteht sich als eine Summe aus eingeloggten und ausgeloggten Nutzern, die monatlich zu Twitter kommen.“ Mit anderen Worten: Die 12 Millionen sind keine aktiven Nutzer, die ein Twitter-Account haben, sondern diejenigen, die einmal im Monat irgendetwas auf Twitter.com oder in einer Twitter-App tun: Ob selbst twittern oder eben nur irgendeinen Tweet lesen.

Man lese und staune: einmal im Monat. Und egal ob sie aktiv sind und nur lesen oder aktiv das Echtzeit-Medium nutzen. Wir erinnern uns: als Nutzer eines sozialen Netzwerkes wird in der Regel derjenige bezeichnet, der es auch wirklich aktiv nutzt. Ob als aktiver Twitterer oder passiver Leser. Er sollte sich aber zumindest ein Account angelegt haben. Twitter zählt hingegen auch alle Besucher der Website mit, die im Zweifelsfall nur 5 Sekunden pro Monat auf Twitter.com waren, weil sie den Link zu irgendeinem Tweet geklickt haben. Aus Sicht von Twitter ist das sogar verständlich.

Denn durch Vermarktung auf Twitter.com sind neben den echten Nutzern eben auch diese Besucher wertvoll – Hauptsache, sie erzeugen vermarktbaren Traffic. Im Übrigen nennt auch die AGOF alle Besucher einer Website oder App „Unique User“, Twitter ist also nicht allein beim missverständlichen Umgang mit dem Begriff “User”. Die Tatsache allerdings, dass gerade ein soziales Netzwerk wie Twitter von „Nutzern“ spricht, aber „Besucher“ meint, ist fahrlässig und gibt keinerlei Auskunft über die tatsächliche Popularität in Deutschland.

Ganz im Gegenteil: Die schwammige Zahl lässt sogar noch mehr am Erfolg zweifeln, weil ein weiteres Mal die Chance verpasst wurde, eine konkrete Zahl von tatsächlichen Twitter-Nutzern zu nennen. Zudem sagt die Zahl nichts darüber aus, wie sich Twitter in Deutschland entwickelt: Waren es womöglich vor einem Jahr 15 Millionen „Nutzer“? Man weiß es nicht. Auf Nachfrage hin teilt Twitter mit, dass die Zahl anhand eigener Server-Daten ermittelt und mehrfach geprüft wurde. Man beachte: eigener Daten. Eine unabhängige Instanz die die gemachten Angaben ermittelt oder gar überprüft gibt es also nicht.

Bleibt also ein großes Rätsel und eine Geheimformel. Denn wie Twitter aus Server-Daten und Log-Files, anhand gemessener Visits, auf eine tatsächliche Nutzerzahl kommt, ja das weiß nur Twitter. Denn dabei gilt es auch mit einzuberechnen, wie viele Leute mit mehr als einem Gerät (Büro-Rechner, Zuhause-Rechner, Tablet, Smartphone, etc.) auf Twitter.com waren, sie also wirklich als einen Nutzer zu zählen und nicht als fünf – das ist kein einfaches Unterfangen. Doch Twitter wird schon eine Formel dafür gefunden haben.

Im Ergebnis bleibt leider eine etwas schwammige Nutzerzahl – oder vielleicht sollten wir besser Besucherzahl sagen – die mehr Fragen als Antworten nach sich zieht. Man darf gespannt sein, wie sich das einst gehypte Twitter-Netzwerk im zehnten Jahr seiner Existenz entwickelt. Zu positiv fällt die Zukunftsprognose jedenfalls nicht aus: denn Twitter bekommt seine Wachstumsprobleme nicht in den Griff. Im Gegenteil: Im vierten Quartal 2015 sind erstmals seit dem Börsengang 2013 überhaupt keine monatlich aktiven Nutzer hinzugekommen. Wie in den drei Monaten zuvor wurden auch von Oktober bis Dezember jeweils 320 Millionen Anwender registriert. Werden die Twitter-Nutzer herausgerechnet, die dem Dienst nur über Kurznachrichtendienste folgen, gingen sogar rund zwei Millionen Kunden verloren.

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