WeChat: die innovative Killer-App aus China mit dem Potenzial zur One-Stop-Plattform

Chinesen können nur kopieren – ein leider immer noch weit verbreitetes Vorurteil. Höchste Zeit, damit aufzuräumen, denn heute kommen die Killer-Apps aus China. Bestes Beispiel: WeChat, eine App, die mal als Messenger App wie WhatsApp angefangen hat und sich in China rasant verbreitet und ständig neue Funktionen gewinnt. Aktuelle Nutzerzahl: über 800 Millionen monatlich aktive Nutzer (MAU) weltweit. Die Company dahinter (Tencent, WKN: A1138D / ISIN: KYG875721634) zählt mit über 200 Milliarden Dollar zu den 25 wertvollsten Unternehmen der Welt.

Doch was macht WeChat aus, was macht die App so erfolgreich und zur Killer-App? WeChat ist das Schweizer Taschenmesser für den digitalen Alltag – und kann weit mehr als jede uns im Westen bekannte Messenger-, Shopping- oder Payment-App. WeChat ist eben alles zusammen: WhatsApp, Skype, Instagram, Facebook, Amazon, Uber und Lieferando. Strategisches Ziel von Tencent-Chef Pony Ma: WeChat soll die One-Stop-Plattform werden, die jeder täglich nutzt – am liebsten rund um die Welt und rund um die Uhr.

Klingt ambitioniert? Ist es auch – aber der Erfolg von WeChat gibt Pony Ma und seinem schlagkräftigen Team Recht. Die Userzahlen der App entwickeln sich rasant. Und weil sich in Asien die Internet- und Handy-User-Zahlen schneller als im Westen entwickeln, sieht Ma darin die Chance für Chinas Internetkonzerne, “den Westen zu überholen”. Wer sich WeChat genauer ansieht ahnt auch, warum. Statt sich rein auf Messaging, Sharing von Fotos oder Chats zu konzentrieren fokussiert sich WeChat darauf, möglichst viele dieser Funktionen zu integrieren und sie mit Transaktionen und damit eCommerce-Anwendungen zu kombinieren. Dazu wurde mit WeChat Wallet ein PayPal mindestens ebenbürtiges Bezahlsystem geschaffen, das sich rasant in China als Mittel zum bargeldlosen Bezahlen durchgesetzt hat.

Man kann mit WeChat Bahn- oder Flugtickets oder sein Hotelzimmer buchen, man kann ein Taxi damit bestellen oder seine Strom- oder Wasserrechnung bezahlen, man kann darüber ein Visum beantragen, Spiele herunterladen oder Kinokarten kaufen, man kann mit Freunden die Rechnung splitten oder Geldgeschenke (die berühmten roten Umschläge, Hong Bao genannt) verteilen – selbst der Arzttermin kann mittels WeChat vereinbart werden. Welche App im Westen kann das? Aktuell keine – und es ist auch keine in Sicht.

Pony Ma stellt jedem WeChat-User auch einen QR-Code als Visitenkarte zur Verfügung, statt Karten zu tauschen wird fleissig der QR-Code des (potenziellen) Geschäftspartners gescannt. Taxis und Essen lassen sich ebenfalls mit WeChat in Windeseile bestellen -natürlich bei den Unternehmen, an denen Tencent beteiligt ist – und kräftig bei jeder Transaktion mitverdient. Was man nicht selbst entwickeln kann oder will, wird einfach aufgekauft. Tencents Beteiligungsportfolio ist enorm: in rund 50 Unternehmen hat sich der chinesische Konzern allein 2015 eingekauft.

An WeChat kommt keiner vorbei in China – geschickt nutzt das Unternehmen seine Plattform auch, um den Zugang zu den konsumaffinen chinesischen Zielgruppen zu kanalisieren und zu monetarisieren. Dazu wurden bereits 2012 so genannte “Brand Accounts” geschaffen. Über 300.000 Unternehmen nutzen diese Präsentationsmöglichkeit, um sich chinesischen Kunden mit ihren Waren und Dienstleistungen vorzustellen und mit ihnen zu kommunizieren. Ein Vorzeigebeispiel ist dabei Adidas: der deutsche Sportartikel-Konzern betreibt alleine sieben WeChat-Channels, nach Sportarten und Zielgruppen geordnet und von zwölf Mitarbeitern in Shanghai gepflegt und stets auf dem aktuellen Stand gehalten.

Das Geschäftsmodell möchte WeChat global ausrollen und neue Kunden weltweit gewinnen. Doch statt Europa und USA frontal anzugehen, setzt Pony Ma auf eine Strategie des Einkreisens. Die Zielmärkte seiner Expansionsstrategie liegen nicht in Europa, sondern zunächst in Südostasien, Indien und Lateinamerika – in 20 Ländern ist We Chat bereits die Nummer 1-App. Man konzentriert sich also zuerst auf die schnell wachsenden Schwellenmärkte, etabliert sich dort und geht dann die industrialisierte Welt an. Statt sich an den USA, “dem schwierigsten Markt” (Pony Ma) in der globalen Expansionskampagne, abzuarbeiten, erobert man zunächst die Peripherie und attackiert dann die reiferen und entwickelteren Märkte.

Ma ist dabei Realist und betont, er habe “nur 50 Prozent Vertrauen in die Globalisierung von WeChat”. Er fährt quasi auf Sicht, denn er kennt die Ressentiments des Westens gegenüber Chinas Internetkonzernen. Das ungute Gefühl, seine Daten einem Chinesen anzuvertrauen, der mit der Regierung paktiert, bleibt eben – und die damit verbundenen Gefahren sind nicht von der Hand zu weisen. Pony Ma muss auch auf die asiatische Konkurrenz achten und Shooting-Stars wie Snapchat achten – doch die sind angesichts des starken und nach wie vor wachsenden Heimatmarktes keine all zu große Gefahr.

Ma ist sich dieser Risiken bewusst und hat daher schon die nächsten Geschäftsfelder im Visier. Sein nächstes Ziel: das fahrerlose Elektroauto. Eine Idee, die schon andere und v.a. Google vor Ma hatte. Doch das beeindruckt den Chinesen wenig. “Es kommt nicht darauf an, wer als Erster die Idee hat, sondern wer sie am besten umsetzt”, so sein Credo. Wenn er das komplexe Thema “Autonomes Fahren” genauso gut löst, wie die Transaktionsorientierung von WeChat und das Bezahlsystem WeChat Wallet, dann stehen seine Chancen für die Future Mobility Corp sehr gut.

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