Digitale Transformation und der Wandel der Wertschöpfung

Die Digitalen Transformation ist in aller Munde, doch was eigentlich transformiert wird, erkennen die wenigsten. Denn es ist vor allem die Wertschöpfung, die ganze Branchen betrifft und verändert. Vor der Industriellen Revolution entstand der überwiegende Teil der Wertschöpfung in der Landwirtschaft, der Rest war Handwerk und Handel. Nichts davon ist völlig verschwunden – aber in der Landwirtschaft wird heute nicht einmal 1% der Bruttowertschöpfung erbracht. Trotzdem muss in den westlichen Industrieländern niemand hungern, und ein dicht besiedeltes Land wie Deutschland kann sich praktisch selbst ernähren. Die Industrielle Revolution hat die Landwirtschaft marginalisiert. Die Wertschöpfung ist aus der Landwirtschaft in die Industrie abgewandert, und mit ihr die Arbeitskräfte.

Dieser Wandel findet auch heute nach wie vor statt. Die Wertschöpfung wird digitalisiert und daher flüchtig. Sie ist nicht mehr an einen Ort oder die Zeit gebunden. Heute ist es vor allem der Dienstleistungssektor, der wächst, während die Industrie schrumpft und nach Osten, bevorzugt nach Asien, abwandert. Zum Teil nimmt dieser Prozess dramatische Ausmaße an und wird zutreffend als Deindustrialisierung beschrieben, mit drastischen Folgen für Regionen und Beschäftigte. Auch ein starker Industriestandort wie Deutschland erbringt heute nicht einmal mehr 30% der Bruttowertschöpfung in der Industrie – dafür fast 70% im Dienstleistungssektor, wo fast 75% aller Beschäftigten arbeiten.

Die Produktivität der Beschäftigten ist in der Industrie zwar etwas höher als im Dienstleistungsbereich, aber nicht um Größenordnungen. Zu den Dienstleistungen zählen auch relativ einfache Tätigkeiten, was den Schnitt nach unten zieht. Solche Jobs wurden in der Industrie längst wegrationalisiert. Auf der anderen Seite gehört auch viel gut bezahlte Knowledge Work zum Dienstleistungssektor.

Die Digitale Transformation hat nicht erst gestern damit begonnen, den drei Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung Wertschöpfungsanteile abzunehmen. Wir können das nur noch nicht so gut messen. Allein die ITK-Industrie kommt nach offiziellen Zahlen bereits auf fast 5% der Bruttowertschöpfung, noch vor dem Maschinenbau. Der Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft lag 2016 bereits bei 55 von 100 möglichen Punkten. Untersuchungen wie diese deuten darauf hin, dass die Wertschöpfung heute schon zu etwa 50% mit digitalen Angeboten erwirtschaftet wird. Ein Industrie-Schwergewicht wie Audi-Vorstandschef Rupert Stadler sagt, dass sein Unternehmen in Zukunft 50% der Umsätze mit digitalen Diensten machen will.

Medienunternehmen wie z.B. Springer erwirtschaften bereits heute mehr als 60% ihres Umsatzes mit digitalen Produkten und Dienstleistungen. Bei manchen Branchen ist der Digitalanteil – wider Erwarten – eher gering: bei Musik betrug er 2017 gerade mal 38% und Verlage wie Bauer können nur einen homöopatischen Digitalanteil an allen Erlösen von 5% vorweisen. Es gibt also selbst in einer Branche massive Unterschiede in Sachen Digitalisierung.

Doch im Schnitt wächst die Digitale Wirtschaft stetig und der Digitalisierungsindex steigt in allen Branchen mehr oder minder stark. Die Wertschöpfung wandert schon längst in Richtung Digital, während Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft entweder digital oder weiter marginalisiert werden. Dieser Prozess bedeutet mit zwingender Logik, dass Arbeitsplätze verschwinden werden. Und zwar genau diejenigen, deren Wertschöpfung durch die Digitalisierung substituiert wird. In Analogie zur Industriellen Revolution ist also der Begriff Digitale Revolution durchaus angebracht.

Wäre ein bedingungslose Grundeinkommen eine Lösung für dieses Problem? Vermutlich nicht, denn es ändert an den Strukturen nichts. Die meisten Menschen im erwerbsfähigen Alter wollen vermutlich lieber an der Wertschöpfung beteiligt sein und sich dadurch selbst ernähren, als alimentiert zu werden. Wenn also die Wertschöpfung digital wird, dann müssen es die Jobs auch werden. Genauer gesagt: Menschen brauchen Jobs, die (noch) nicht digital substituiert werden können. Und dafür braucht es menschlichen Erfindungsreichtum, jede Menge Kreativität und wachsendes technisches Know-How – wie schon seit Jahrhunderten.

Digitale Transformation oder bedingungsloses Grundeinkommen sind daher nicht das eigentliche Thema. Eher schon, dass Menschen seit jeher dorthin gehen, wo sie Chancen für sich und ihr Leben sehen – in Berufe, Branchen und Regionen, in denen die Wertschöpfung höher ist als anderswo. Für diesen Wandel braucht es also Offenheit der Systeme und die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln – hin zu mehr Wertschöpfung. Zentral ist somit in einer Wissengesellschaft der Zugang zu digitalem Wissen und Marktplätzen, das Wissen um deren Funktion (Stichwort: Netzwerkökonomie) und die Anwendung moderner digitaler Geschäftsmodelle sowie last but not least die Innovationsrate bezogen auf Produkte und Dienstleistungen, sowie Kombinationen davon.

Innovate or die” lautet also die Devise für die Zukunft. Wer den Wandel der Wertschöpfung nicht erkennt, droht überholt zu werden und am Ende vom Markt zu verschwinden. Viele Leichen, wie z.B. der Erfinder der Digitalkamera Kodak (der nach der Insolvenz wiederauferstanden aber ein Schatten seiner selbst ist), säumen den digitalen Weg und zeigen welche Risiken und Veränderungen die digitale Welt mit sich bringt.

Die digitale Transformation ist dabei kein einmalig zu durchlaufender Prozess (den man nur einfach einmal durchlaufen haben muss, um zu überleben), sondern der Eintritt in eine digitale Arena – meist mit mehr (bisher unbekannten) Playern, globaler Ausprägung und ganz eigenen Gesetzen sowie einem meist sehr viel höherem Bedarf an Kapital und Know-How. Die digitale Evolution folgt einer anderen Geschwindigkeit und die Selektion ist härter – daher gilt es sich gut auf dieses neue Terrain vorzubereiten und sich bei Bedarf entsprechend beraten zu lassen und gegebenenfalls externes Know-How ins Haus zu holen.

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