Warum der Online-Möbelhandel noch nicht abgehoben hat

Nahezu jede(r) kauft heute online, egal ob sie oder er es gerne zugibt. Was liegt da näher, als Möbel ebenfalls online zu kaufen? Wieso in die Ferne schweifen, wo das Gute doch angeblich – in Form eines Online-Shops – so nahe liegt? Woran liegt es, daß ein Großteil der Online-Möbel-Branche weit davon entfernt ist, abzuheben? Liegt es an hausgemachten Problemen, am Sortiment oder doch am Käufer? Lassen Sie uns der Frage einmal etwas auf den Grund gehen.

Es schien in den letzten Jahren so, als ob die Onlinehandelsszene quasi stündlich auf den Durchbruch der Online-Möbelbranche wartete. Unsummen wurden investiert, um den “angestaubten” Markt aufzurollen. Und wer, wenn nicht die von Rocket Internet und anderen Tausendsassas geprägte agile und aggressive Startup-Szene, käme dafür in Frage? Tchibo oder Lidl Online etwa? Nein, da musste schon so etwa wie Home24 her – einer der potentiellen Branchenführer und Vorreiter. Jetzt ist Home24 gerade in einer sehr treffenden Analyse und Ist-Zustandsbeschreibung von Peer Schader im Supermarktblog kritisch analysiert worden. Doch nochmal zurück zur Frage: Wieso kommt der Onlinehandel mit Mobiliar in Deutschland nicht in Schwung?

Schader vom Supermarktblog sieht die Schwachpunkte des Möbelversenders vor allem in der Kundenansprache und im mangelhaft ausgeführten Versand. Jochen G. Fuchs von t3n nennt weitere Gründe: “Home24 ist dabei das Symptom einer Branche, die glaubt jedes Problem sei mit Technologie zu lösen. Eine API liefert aber weder Möbel aus, noch baut sie welche auf.” Sein Fazit weist auch noch auf andere Probleme hin: “… die Branche leidet nicht nur, wie Home24, an mangelnder Service- und Versandleistung, sondern auch an Ignoranz gegenüber einer weiteren klassische Handelskompetenz.” Es liegt also am Sortiment, denn hier hapert es am meisten, so der E-Fuchs: “Versucht der Kunde aber in Deutschlands Online-Möbelmärkten ein Kinderbett zu bestellen, das irgendwo unterhalb eines Kleinwagens und überhalb einer Obstkiste angesiedelt ist, dann wird er auf unüberwindbare Hürden stoßen. Ramsch laut katastrophaler Bewertungen trifft auf extrem wenig Alternativen. Und die identische Auswahl trifft der Kunde dann in jedem Onlineshop an.”

Als Online-Praktiker und Interior Design-Fan, der schon so manches Möbel gekauft, bemustert, konfiguriert und persönlich ausgewählt hat, fällt einem natürlich der wichtigste Grund sofort ein: die persönliche Beratung – hier mangelt es im Online-Bereich am meisten, was natürlich in der Natur der Sache liegt. Denn wie heißt es so schön: Distanzhandel – doch mit Distanz lässt sich im Möbelbereich nicht handeln.

Möbel sind zwar keine erklärungsbedürftigen, komplexen Produkte – aber es bedarf einiger schon nahezu Kenntnisse der Raumsituation, der Wirkung von Oberflächen, Farben und Stoffen sowie Kenntnisse, welche Firma was besonders gut kann und günstig liefert. Möbel wollen “begriffen”, gefühlt – und im Falle von Küchen, sogar geschmeckt werden. Jeder der über das IKEA-Alter hinaus ist, fällt da unweigerlich in ein “Online-Loch”. Denn niemand kann den erfahrenen Einrichtungsberater oder gar Innenarchitekt ersetzen. Am wenigsten ein stummes Tablet oder ein stummer PC.

Denn Möbel verkauft man eben gerade nicht mit Technologie, sondern v.a. mit Gefühl für Räume und Menschen – die alle einer individuellen Lösung bedürfen. Um hier Angebot und Nachfrage zusammenzuführen gibt es nicht ohne Grund den Fachhandel, der übrigens vor, während und nach dem Einkauf mit allen Serviceangeboten vor Ort bereitsteht und sich nicht nach der Lieferung per Kurierdienst und Selbstaufbau auf banges Warten in irgendeiner Hotline eines outgesourcten Callcenters reduzieren lässt.

Warum der Online-Möbelhandel noch nicht abgehoben hat? Er ist nicht auf dem Boden geblieben. Es fehlt ihm am Zugang, an der “face-to-face-“Kommunikation, am Bezug – das Thema will verortet werden. Möbel sind eben doch keine Standardware, sondern individueller und persönlicher Ausdruck eines Lebensstils – ein Lifestyle eben. Und der findet zwar oft online statt und bietet viele Inspirationen auf Houzz, Instagram, Pinterest, etc. – aber trotzdem kommen diese schönen Möbel nicht in die Wohnung geflogen oder konfigurieren sich von selbst. Hierzu ist persönliche Interaktion, viel Know-How, ein breites Sortiment und oft auch eine fachmännische Montage nötig. Das alles leistet der Möbelfachhandel, dessen Vor-Ort-Verfügbarkeit und Bodenständigkeit einfach ein unschlagbares Plus ist und von dem der Online-Möbelhandel noch sehr viel lernen kann.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>